Frauenfokus 2001 Familienrecht im Maghreb

9) Familiengesetz im Maghreb

In Algerien wurde 1984 wurde ein Familiengesetz erlassen, wonach die Frauen nurmehr als "Tochter von", "Mutter von", "Ehefrau von" vorkommen. Sie sind keine Personen sui juris mehr. Die eigene Individualität unabhängig vom Mann wir ihnen abgesprochen. Das Gesetz macht sie in Sachen Bildung, Arbeit, Ehe, Scheidung und Erbe zu ewigen Minderjährigen. Sie gehen von der Vormundschaft des Vaters, Bruders oder eines nahen Verwandten in die des Ehemannes über
Über das Recht auf Schulbildung und auf Arbeit schweigt sich das Gesetz aus.
Den Frauen wird als ihre einzige Rolle die der Gebärerin zugewiesen, damit der Name des Mannes fortbesteht. Sie haben für sein Wohl und das ihrer Angehörigen zu sorgen
Alle anderen Rechte müssen sie ständig aushandeln.
So kann ein Mann die Frau zwingen, nicht mehr berufstätig zu sein. Sie schuldet ihm Gehorsam. Und die Eheschliessung erfolgt nie aufgrund der freien Entscheidung der Eheleute.


Die Scheidung kann zwar beidseits vereinbart werden, aber das ist nicht zwingend für den Mann. Bei ihm genügt die bloße Willensbekundung.


Die Auswirkungen der Scheidung sind für die Frauen und Kinder oft katastrophal.
Die Mutter bekommt zwar automatisch das Sorgerecht, aber nicht die Vormundschaft über ihre Kinder: Die elterliche Gewalt bleibt beim Vater.
Die Unterschrift des Vaters ist für alles Bedingung: von der Anmeldung in der Schule oder im Schwimmbad bis zur Erlaubnis, das Land zu verlassen. Die Frau wird so zur Gefangenen im eigenen Land und entmündigt. Die Wohnung wird ihr in der Regel verweigert. Der Mann hat ein Anrecht, doppelt so viel zu erben wie die Frau, obwohl es gerade die Frauen sind, die materielle Unterstützung brauchen, ganz besonders nach der Scheidung.


Die Kinderzahl ist entsprechend der niedrigen Stellung der Frauen hoch wie in allen islamischen Ländern. Dass sie keineswegs den Wünschen der Frauen entspricht, dafür sorgt schon die sexuelle Kontrollmacht und Verfügungsmacht der Männer, die gern als "Tradition" heruntergespielt wird. Bei einer statistischen Befragung in einem ostalgerischen Dorf im Jahre 1973 äussersten 95% der Mädchen den Wunsch, weniger Kinder zu haben als die durchschnittlichen 5 bis 6. Von den Frauen äusserten 79% diesen Wunsch.
Auch in Marokko schreibt das malikitisch-islamische Familienrecht die Ungleichheit der Frauen fest. Der Vater der Frau besitzt ein Einspruchsrecht gegen die Eheschliessung, die Frau wird also bis ins Erwachsenenalter entmündigt. Das marokkanische Familienrecht gilt als eins der "konservativsten". Es entrechtet die Frauen in zentralen Fragen, obwohl ihr Anteil am Arbeitsmarkt relativ hoch ist. Die Polygynie ist legal (nur in Tunesien gesetzlich abgeschafft), die Frau hat dagegen kein Einspruchsrecht und der Mann behält das Recht auf Verstossung. Scheidung seitens der Frau ist nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Die Frau hat kein Recht auf Unterhalt, was bedeutet, dass Frauen faktisch gezwungen sind, auch in unerträglichen Ehen auszuharren.

In Tunesien ist das Familiengesetz vergleichsweise fortschrittlich. Dort können Volljährige die Heirat selber eingehen und brauchen keinen (männlichen) "Familienvertreter" mehr zur Unterzeichnung der Urkunde. Damit entfällt ein wichtiges Repressionselement gegen die Töchter. Auch die Polygynie ist von Gesetzes wegen abgeschafft. Beide Ehepartner können die Scheidung einreichen. Nicht abgeschafft ist das Vorrecht des Mannes auf den doppelten Erbteil.

Das Familienrecht ist überall zentral für die Stellung der Frauen. Nicht allein die Berufstätigkeit, sondern vor allem das Eherecht ist der Indikator für den weiblichen Status, wie das Beispiel Marokkos zeigt, wo trotz relativ hohem Anteil der Frauen am Arbeitsmarkt ihr eherechtlich verankerter niedriger gesellschaftlicher Status augenfällig ist.

9.7.10 17:49

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